Welche Rolle spielt Naturstein bei der Bauwende
UMWELTEINWIRKUNG: NATURSTEIN MACHT DEN UNTERSCHIED

Angesichts eines Anteils von rund 38% an den globalen CO₂-Emissionen steht die Bau- und Gebäudewirtschaft unter Handlungsdruck. Naturstein kann hier einen wichtigen Beitrag leisten: Bei vergleichbarer Funktionalität reduziert er den Embodied Carbon gegenüber konventionellen Baustoffen um über 80%. Vor diesem Hintergrund befassen sich auch unsere Mitglieder kontinuierlich mit der Umweltwirkung von Naturstein. Im nachfolgenden Interview erfahren Sie von Ulrich Köhnken, welche Rolle Naturstein aus seiner Sicht bei der Bauwende spielt.

Interview mit Ulrich Köhnken

Herr Köhnken, Naturstein wird oft als besonders nachhaltiger Baustoff bezeichnet. Wie beurteilen Sie die Umweltauswirkungen in der gesamten Wertschöpfungskette – vom Abbau, über die Weiterverarbeitung bis zur Bereitstellung von Naturstein für spezifische Projekte – im Vergleich zu konventionellen Materialien?

Zunächst sollte man Naturstein auch als einen konventionellen Baustoff bezeichnen. Als eines der ältesten Baumaterialien hat Naturstein, neben Holz und Lehm, dem Menschen bereits über Jahrtausende als perfekter Werkstoff gedient. Es gilt aus meiner Sicht, in erster Linie allein die konkurrenzlose Lebenszeit und die Möglichkeiten der Wiederverwendung von Naturstein zu betrachten. Dann ist klar, dass Naturstein per se schon das Baumaterial der Zukunft ist. In der Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette wird dies sogar noch deutlicher.

Die Bauwende verlangt nach Lösungen mit deutlich reduziertem CO2-Fußabdruck. Welche Vorteile bietet Naturstein im Hinblick auf den Embodied Carbon?

Ich musste erst einmal googeln was das bedeutet… 😉 (verkörperter Kohlenstoff oder graue Emissionen). Bei der Frage muss ich ein wenig schmunzeln. In vielen anderen Bereichen müssen Lösungen erst aufwendig erarbeitet werden; im Bauwesen ist diese Lösung bereits da und kann sofort umgesetzt werden: Naturstein! Das zeigt aber auch, dass noch viel Aufklärungsarbeit gegenüber der Politik, den Architekten und Bauherren zu leisten ist. Sicherlich gibt es auch beim Naturstein noch Möglichkeiten, den ökologischen Fußabdruck weiter zu verbessern. Dazu gehört beispielsweise auch der fachgerechte Verbau der Materialien. Denn nur so können sie über Jahrhunderte Freude bereiten und dauerhaft zu einem geringeren CO₂-Ausstoß beitragen.

Ein Beispiel: Bei Ihrem Projekt KunstCampus Berlin wurde unter anderem Material wiederverwendet und neu aufbereitet. Welche Bedeutung hat dieses Upcycling von Naturstein für eine echte Kreislaufwirtschaft im Bauwesen?

Ich glaube, jeder Bauherr, der über eigene Ressourcen verfügt, überlegt diese in irgendeiner Form wieder zum Einsatz zu bringen. Zum einen aus Nachhaltigkeitsgedanken, zum anderen aus emotionalen, wie auch aus ästhetischen Gründen. Und nicht zuletzt aus Kostengründen ;-). Ein Baustoff, der schon da ist und nur noch aufbereitet werden muss, ist und kann nur 100% Kreislaufwirtschaft sein.

Naturstein ist ein Baustoff mit Geschichte, der auch nach Jahrzehnten und sogar nach Jahrhunderten erneut eingesetzt werden kann. Verfügen auch andere Materialien über diese ausgesprochene Recyclingfähigkeit?

Ich denke nein, obgleich Klinkerbauten ebenfalls einen langen Lebenszyklus haben. Wie schon in der ersten Frage erwähnt, sind gebrannte Ziegel ebenfalls ein sehr „altes“ Baumaterial.

Wenn wir die Bauwende konsequent denken: Welche Rolle sollten Bauherren, Planer und die öffentliche Hand künftig spielen, um solche zirkulären Ansätze, wie sie beim KunstCampus umgesetzt wurden, stärker in die Praxis zu bringen?

Bauherren sollten sich ganzheitlich mit ihrem Bauvorhaben auseinandersetzen und ihre Möglichkeiten sorgfältig abwägen. Sie tragen Verantwortung – nicht nur gegenüber ihrem eigenen Budget, sondern auch gegenüber nachfolgenden Generationen. Nachhaltiges Bauen bedeutet zugleich, kostenbewusst zu handeln. Kostenbewusst heißt jedoch nicht, billig oder kurzlebig zu bauen. Vielmehr geht es darum, Qualität und Langlebigkeit in den Vordergrund zu stellen. Erst wenn Bauherren und ihre Finanzgeber den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks berücksichtigen, können sie fundierte Entscheidungen treffen. Ziel sollte es sein, ein Gebäude langfristig im Bestand zu halten oder durch nachhaltige Bauweise seinen Wert und seine Vermarktbarkeit dauerhaft zu sichern.